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Worte

Hier findet Ihr  Artikel, lyrische Texte, aber auch Geschichten, Sentenzen oder Sprüche , die entweder mir oder anderen begegnet sind.



AugenBlicke


Wie sehr ich sie genieße, diese Morgenspaziergänge, mit denen ich die Elbe begleite und mich selbst ruhig und gemächlich in den kommenden Tag entlasse.  Nur ganz vereinzelt wechseln Frühaufgestandene auf der, sich in einem mutigen Bogen über das Wasser spannenden Brücke von einem Ufer zum anderen über. Die zur Nacht verlassenen Lastkähne  liegen still, und stellen, von ihrer schweren Ladung befreit, ihre rostig zerklüfteten Bäuche zur Schau. Am Heck der Schiffe, die Namen wie Labe oder Senator tragen, müde hängende Fahnen, kein Windhauch weckt sie aus ihrer Starre.
Der Frühling hat in diesem Jahr lange auf sich warten lassen, doch jetzt strebt alles mit großer Wonne danach, neu zu entstehen. Ein Gefühl, das ich teile. Meine Augen zu kleinen Schlitzen verengt, um dem warmen Eindringen der Sonnenstrahlen ein Weniges entgegen zu setzen, das Geblendet werden zu lindern, vermengen sich die jungfräulichen Grüntöne zu einer augensinnlichen Oase, sprenkeln kleine Leuchtfeuer auf die Netzhaut.
Alles atmet Leben, und mit meinen Schritten durchmesse ich an diesem Morgen die Welt, enteile mit meinem ganzen Sein dem, was wir Zeit nennen. Ich blicke auf das Band des Flusses, der unter dem sanften Einfall des frühen Lichtes hell glänzt, als ob sich ein Strom geschmolzenen Silbers an den Sandbänken und schütter belaubten Bäumen und Büschen vorbei ergießen würde. Am Erstarren gehindert allein durch die hitzende Kraft der Sonne.
Und zugleich wandle ich mich selbst zu einem Fluß, der unbehelligt von den zeitlichen Talsperren und Staudämmen, den weniggezählten und doch mit soviel Bedeutung versehenen Jahren, Tagen und Stunden, seinen für ihn bestimmten Weg findet .
Ich kenne diesen Zustand, wiedererkenne das Hinaustreten in die Ewigkeit, wenn sich die, mit künstlicher Hand erschaffenen Dimensionen in ihrer Wertigkeit verschieben, sich aneinanderpassen und man zu fühlen beginnt, als wäre man Teil eines Ganzen, das keine Grenzen kennt.
Es ist ein weicher Weg, ein Weg bewachsen von jungem Gras. Sandiger Boden, einst dem Licht entzogener Grund eines urzeitlichen Meeres , formt weich nachgebend die Spur der Füße, bis er gezwungen wird als Abdruck stehen zu bleiben, für eine Weile. 
Sand, der die Gedanken zum fließen bringt, die Erinnerung rieselnd zurückholt.
Damals der Sand, an jenem Ort nahe der slowenischen Grenze, war diesem sehr ähnlich. Er ließ an Strand und weite Horizonte denken, glitzerte vom hohen Quarzanteil im Sonnenlicht und mit etwas Glück konnte man kleine Muscheln und Krebstierchen finden, die sich nur wenige hundert Kilometer weiter im Süden und Westen zu hohen kalkigen Gebirgsketten aufgetürmt hatten.


„Siebener Sprünge!“
„Was?“
„ Ja, dein ganzes Leben teilt sich in Abschnitte von sieben Jahren,  jedes dieser Intervalle birgt seine Besonderheit, seine ganz eigene Lebensaufgabe für Dich. Wenn man dieser allem Leben zugrunde liegenden Logik nicht folgt, so holen einen die Versäumnisse unweigerlich und mit großer Vehemenz ein!“ Marias Worte, und wie weise sieht sie dabei aus in meiner Erinnerung, als ob sie mal eben alle Sprünge, ihrem eigenen Lebenslauf vorauseilend, getan hätte, um hinter die kleinen Hürden und somit auf deren Geheimnis zu blicken, um dann, mit eben diesem Wissen wieder zur Gegenwart zurückzukehren.
Irgendwie empfand ich es damals, vor nun mehr als zehn Jahren, fast als Erleichterung, eine Art Gerüst mit auf den Weg zu bekommen, an dem es leichter wäre, sich entlangzuhangeln. Das Leben als vorgegeben Folge von Einheiten, die es galt zu erfüllen, auszufüllen.
Leben nach Zahlen!
Ich lenke meinen heutigen Blick zur Stadt, deren Umrisse im Morgendunst noch weich und glatt aussehen. Der Dom steht, wie durch ein Wunder von den Bomben, den Bränden verschont, auf seinem Felsenfundament. Mit seinen exakt nach den Himmelsrichtungen ausgerichteten Haupt- und Seitenschiffen, seinen beiden in die Unendlichkeit weisenden Türmen, ist er ein Meisterwerk der Baukunst, und auch eines der Mathematik. Ganz tief in seinem Inneren besteht er aus Zahlen. Aus dem Stein gemeißelt, aufgeschichtet zu einem beeindruckenden arithmetischen Bauwerk. Ich bin in meinem fünften Siebenersprung angelangt, bin unbewußt dem eigenen Zahlengebäude gefolgt. Ich habe mich Stück für Stück an mich selbst rangearbeitet. Dies ist einer der Momente, in denen das Zurückschauen auf  Vergangenes die Sicht freimacht auf das, was ist. Und das Vergangene taucht auf, weil das Empfinden heute dem von damals ähnelt, ihm ähnelt, obwohl alles herum so anders ist, scheinbar einem anderen Plan folgt.

Auch wir, Maria und ich, waren einem ganz eigenen Lebensplan gefolgt. Mit großem Enthusiasmus, mit wahrer innerlicher Hingabe, gaben wir so etwas wie Aussteiger, welche, die sich der vielschichtigen Abhängigkeit, in die sich Menschen in  jeder Gesellschaft begeben, entziehen wollten. Klassisch verpackt, mit Haus und Hof, fern ab auf einem Hügel gelegen, die weitest gehende Eigenständigkeit als angestrebtes Ziel. Hunde, Katzen, Ziegen und eine 400 Kilo Sau inbegriffen, ein Hektar Land. Nach Bauernmund gesprochen: Zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel. Dieser von uns gesuchten und gefundenen unfertigen Form wollten wir Inhalt geben, einen Inhalt, der die Form erst halten und stärken sollte. Wir waren stark, auf diesem, unserem gemeinsamen Gang. Auf ihm wollten wir uns von allem lösen, und so zu Lösungen für eine andere Art zu sein finden.
Wenn die Sonne weit im Westen über den schroffen Bergkanten der Karawanken unterging, und die im Tal eins ums andere erstehenden Lichter nur mehr eine Ahnung von einem Dorf weckten, wenn die Stille mit der anbrechenden Nacht langsam über den steilen Hang zu uns hochkroch, ein feucht warmer Luftstrom dem erkaltenden Erdboden entstieg, so waren dies jene Augenblicke, in denen der Traum zu lebendiger Realität wurde. Stunden, da sich die verschwiegene Ruhe endlich in unseren Herzen niederließ, die Gedanken den Gefühlen ihren Platz einräumten. Alles schien richtig, alles schien gut.
Ein saftiges Knatschgeräusch, begleitet von einem scharfkantigen Knacken, wie von zerbrechendem Porzellan, jener Art Porzellan, durch daß man wie durch einen weichen Schleier die Welt draußen bläßlich hindurchscheinen sieht. Zugleich verblaßt mein Tagtraum.
In schuldiger Vorahnung hebe ich ganz langsam meinen rechten Fuß, zwischen meiner Schuhsohle und dem sandigen Boden zieht sich ein schleimiges Band. Ich bin auf eine Schnecke getreten.  Von einem Moment auf den anderen, befällt mich dieses „Kindergefühl“, das ohne Vorwarnung dann über mich herfiel, wenn ich durch Un-Bedachtheit, Un-Achtsamkeit oder einem anderen dieser Un-Worte einem wehrlosen Wesen Schlechtes getan hatte. Doch mit dem älter werden kommt das Wissen und die Fähigkeit dieses mit Bedacht einzusetzen, für Erklärungen, für mildernde Umstände, für Ausreden zuweilen.
Ich blicke noch einmal auf diesen unkenntlichen Rest von Leben, streife meinen Schuh an der frischen Grasnarbe sauber, atme tief durch und verwerfe jegliches Mißgefühl.
Meistens brauche ich heute keine Ausreden mehr. Ich bin die, die ich bin.
„ Passen Sie bloß auf, hier liegt manchmal noch altes Armeezeug rum, von den Russen, die haben früher hier ihre Übungen abgehalten, arme Schweine waren das!“ der Mann schüttelt leicht den Kopf, wahrscheinlich ziehen die Bilder von damals, die Bilder der „armen Schweine“, wie er sie nennt, an ihm vorbei,  erinnern ihn betrüblich.. Aber er sieht freundlich aus, wie er da in seinen grünen Gummistiefeln, der Weste aus Lammfellimitat und der obligatorischen braunen Cordmütze auf dem Kopf am Ufer steht. Die Angel in seiner Rechten hebt er wie beiläufig immer wieder ein wenig an, läßt den Köder, der irgendwo da unter der blanken Wasseroberfläche lockt, so tun als ob er lebende, zappelnde Beute wäre. „Der Hund, geben Sie bloß auf ihren Hund acht!. Was ist denn das für eine Rasse, Jagdhund, ja? Sieht man, ich hatte früher auch einen Hund, einen kleinen nur, hab´ ihn mir geholt, nachdem meine Frau gestorben ist. Meine Frau wollte nie einen Hund, gräbt den ganzen schönen Garten um, hat sie immer gesagt. Hat er auch, aber da hat sie´s ja nicht mehr gestört. Wie heißt er denn?“ Ich erzähle ihm die Geschichte von Kassandra, meiner Hündin. Kassandra, die aus Griechenland zu mir kam, die, als ob sie den Mythos der Seherin verhöhnen wollte, grausam schielte und im Dunkeln so gut wie gar nichts sah. Deren Namen ich ausgesucht hatte, den sie dann schon seit ihrem Kindsein trug, weil ein Fischer sie genauso genannt hatte. Sieben Jahre begleitet sie mich nun schon. Ich mag es wenn hinter den Dingen kleinere oder größere Geschichten stehen, Geschichten mit Überraschungen, wert für ungläubiges Staunen und lächelndes Berührtsein, solche, die von Zufällen erzählen, die eigentlich keine sind.
„Sie sind nicht von hier, das hört man“
Manches bleibt also nur deshalb ungehört, weil es in einem fremdartigen Tonfall, einem Dialekt vorgetragen wird, der in ihm, dem Zuhörenden eine für ihn logische Assoziationskette auslöst. Diese führt unweigerlich dazu, daß der Fokus der Rezeption von der Geschichte ab- und der sprachlichen Lautmalerei zugelenkt wird.
Bei meiner Erklärung, und dies war nach mehr als vierjähriger Ansässigkeit wahrlich nicht die erste dieser Art, daß ich in der alten, politisch gebräuchlichen Definition zwar aus DEM Westen käme, rein geographisch jedoch meine Herkunft viel weiter südöstlich, somit beinahe schon auf dem Balkan, zu suchen sei, verändert sich sein Blick beinahe ein wenig ins melancholische. Höchstwahrscheinlich denkt er an Wien, das Riesenrad, die Berge,  Mozart und schöne Mädchen in Dirndln.
Das alles sehe ich freilich nicht, doch ein Duft von blühenden Maronibäumen, süßlich herb, nassem Laub und frisch gemähtem Gras weht an mir vorbei. Ich fühle mich ins Fell eines meiner Tiere, spür dem heißen Wind nach, der vom weitentfernten Mittelmeer heranzieht, und ich denke fast ein wenig erstaunt, daß eigentlich auch hier die Luft voll ist vom Geruch des Wassers, nur eben anders. Städte, die an Flüssen liegen haben für mich eine ganz besondere Anziehung. Der Strom ist wie eine Lebensader, die alles durchzieht, und auf ihm werden die verschiedensten Menschen und Dinge herangetragen, tauchen für eine Zeit in das Geschehen ein, und hinterlassen beim Weggehen ihre Spuren. Zu Beginn, als ich hierher kam, war ich überzeugt davon selbst eine dieser Reisenden zu sein, eine Zwischenstation möglicherweise, nicht mehr. Nie hätte ich daran gedacht, für länger in dieser Stadt, diesem Land zu bleiben, dessen Namen ich, eingestandener Weise, vor der Wende noch nie gehört hatte. Doch ich sollte mich getäuscht haben.
 „Augenblicke verändern uns mehr als die Zeit“, dieser Satz geht mir durchs Gehirn. Charlotte Wolff hat ihn für sich als Lebenssentenz gewählt. Sie war Ärztin, Psychologin, Jüdin und in erster Linie auch eine, die durch die erzwungene Diaspora für immer zu einer Heimatlosen geworden war. Ja, einer dieser Augenblicke, eines dieser Standbilder, das sich unauslöschlich ins Herz einschmilzt, begegnete mir bei meiner Ankunft. Wenige Kilometer vor der letzten Autobahnausfahrt, ich war müde von der mehr als zehnstündigen Reise in monoton gleichbleibendem Fahrtempo, ich hatte das Seitenfenster heruntergedreht, um mir ein wenig Erfrischung zu verschaffen, hörte ich wie aus weiter Ferne, viele aufgeregte Stimmen, so als ob sich eine Ansammlung von Weibern,  aufgebracht über irgendein Ereignis ereiferten. Und dann plötzlich tauchte diese schnatternde Schar über mir am Himmel auf, bildete eine pfeilartige Flugformation, ein großes V, ein fliegendes Victoryzeichen, das mich begleitete, bis ich von der Straße abfuhr. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Wildgänse gesehen, wie sie gelenkt von einem inneren Instinkt ihrem Ziel, ihren Brutplätzen entgegenzogen. Die Symbolträchtigkeit konnte ich da noch nicht sehen, aber der Augen-Blick blieb.
Heimat?
Kann man seine Heimat verlassen? Man kann sie hinter sich lassen, ja. Man kann sich sogar eine innere Heimat erschaffen, wohin man sich zurückziehen kann, egal an welchem Ort dieser Welt man sich aufhält. Zu Hause und Heimat. An diese Dualität habe ich lange Zeit geglaubt.
Ein zu Hause könne man sich bauen, man könne es mit Teppichen auslegen, mit schönen Möbeln ausstaffieren, man könne es mit herrlichen Küchendüften erfüllen, mit Geliebten, Ehepartnern, Kindern, mit Haustieren und einem Fernseher. Aber Heimat würde immer nur da sein, wo du deine ersten Wurzeln reinschlugst, nur dort, wo dir der Himmel genau das richtige Blau zu tragen scheint.
Auch Maria hatte vor vielen Jahren ihre Heimat verlassen, sie, die in Deutschland geboren wurde und doch als Kind griechischer Einwanderer Hellas als ihr einziges Mutterland bezeichnete. Wir schufen uns ein neues, gemeinsames zu Hause.  Für sie ist es eine Heimat geworden.
„ Findest du nicht wir sollten uns einen Bauernhof, ein Anwesen  kaufen“, dabei stand sie ganz nah am Geländer der großen Terrasse der von morbidem Charme getünchten Villa, irgendwo mitten in Wien, ihren Blick verhangen auf den gegenüberliegenden Park gerichtet. Ein Anwesen, das war ihr erwähltes Lieblingswort, und so wie sie es sagte, schwang dabei eine alte Sehnsucht mit, nach dem eigenen Land, nach dem weitausgreifenden Schritt der Gutsherrin, die frühmorgens ihre Ländereien in Augenschein nahm.
Und ich? Ich mußte nicht überlegen, denn schließlich trug ich dieses Bild von mir, Land bestellend, der Natur, den Tieren, den Pflanzen, der Erde, dem Wasser verbunden, bei mir, seit ich mich selbst bewußt erfahren habe. Es war mein Traum, der nun den Namen „Anwesen“ trug.
Wir hatten beide einen Traum. Viel später erst erkannte ich, daß es nicht derselbe war. Vielleicht habe ich ihr auch lange nicht verziehen, vielleicht bis gerade eben, daß sie mir, wie mir schien, meinen Anspruch auf diese Heimat, diesen Traum, genommen hatte. Manches Abschiednehmen kommt spät und ist fern von Tränen, weil diese schon lange geweint. Für das Jetzt bleiben zumeist die freudvollen Erinnerungen
Absurder Weise fühle ich genau in diesem Moment, in dem mir durch den alten Mann mit seiner speckigen Mütze und dem leergebliebenen Angelhacken, meine Fremdheit klar gemacht wird, in diesem Moment also spüre ich, daß ich hier in der Stadt an der Elbe ein zu Hause gefunden habe, das zugleich ein Stück Heimat geworden ist. Und auch dieser AugenBlick bringt besagte Veränderung. Ich weiß, daß ich endlich angekommen bin, und der Abschied, der mir in meinem Inneren jetzt begegnet, der Abschied, den ich schon vollzogen geglaubt hatte, ist jetzt notwendig, um dieses Ankommen zu feiern.
Vor meinem mich niederlassen in dieser Stadt, die selbst in einem Land liegt, das nach 40 Jahren des Abgetrenntseins erst langsam in einer neuen, sogenannten Ordnung zurechtzukommen versucht, stand der schmerzhafte Weggang von einem Ort, der außerhalb jeder Zeit zu liegen schien. Es gibt sie, diese Plätze, die wie das Zentrum eines Labyrinths sind. Dahin gelangt man auf einem Weg, spiralförmig gewunden , der sich immer wieder von der eigentlichen Mitte weg zu drehen scheint, einen vom Eigentlichen wegträgt, um dann genau dort anzukommen. Das Eigentliche ist das Gegenteil von all dem, was existent ist, zugleich ist es aber auch alles, was ist.
Dieses Verlassen ist schmerzhaft und traurig, doch zugleich schafft die Trauer um den Verlust eine Klarheit, die nur durch eine Katharsis, einen bodenlos erscheinenden Abstieg, erreicht werden kann. Ganz am Boden bleibt nichts weiter als aufzustehen, neu aufzustehen. Und möglicher Weise ist es genau das, was mich wie ein roter Faden mit dieser Stadt und ihren Menschen verbindet. Die Frühlingssonne steigt beharrlich weiter am Himmel und ich befinde mich so viele tausende Kilometer weit weg von jenem alten Ort. Ich habe den Eingang zum Labyrinth wieder gefunden, und treibe auf die Mitte zu, die diesmal die meine ist, weil ich allein den Weg dorthin wähle.

Meine Hand ertastet in meiner Jackentasche einen kleines Stück Papier, bringt einen leuchtend gelben Zettel zum Vorschein.
Amsterdam, ein in der Vielzahl der, teils mit pittoreskem Kitsch nachempfundenen, asiatischen Fassaden des chinesischen Viertels fast verlustig gehender Eingang zu einem hinduistischen Tempel. Nur wenige Stufen trennen die Unrast der hastenden Menschen von meditativer Einkehr, trennen das Stimmengwirr von der Stille.  Das satte, breite Lachen, der in ihrer Fülle überbordenden Figur Buddhas, dickdünstige Rauchschwaden von Sandelholz und Jasmin,  scheinen die Zeit, das Jetzt auszulöschen.
Zurück in meiner Hand bleibt jener Zettel, auf dem ein Dharmaspruch von flüchtigen Wechselwirkungen erzählt, aus denen das Leben sich zusammensetzt. Wahrheit und Täuschung, Gut und Böse, schwarze und weiße Muster, die es zu erkennen und abzulegen gilt.
Den Spruch trage ich an meinem Herzen, ein wenig so, wie ich früher vor dem zu Bett gehen Schulbücher unter das Kopfkissen legte, mit der Vorstellung, daß sich über Nacht all die ungelernten Weisheiten, in mein Gehirn schlichen, dort gespeichert würden und am nächsten Tag für mich abrufbar bereit stünden. Komisch, daß man manche Eigenarten selbst dann nicht ablegt, wenn sie sich noch in keinem einzigen Fall als stichhaltig erwiesen haben, ein naiver Glaube an das „irgendwann ist es das erste Mal“. Und ganz bestimmt der Versuch, dieses Erste Mal nicht zu verpassen.
Und zugleich weiß ich in diesem Moment, daß kein AugenBlick verloren geht, daß sie sich schlüssig aneinanderreihen, und ich lache und bin glücklich.

(Mai 2004)